dOCUMENTA 13 – Kunst (und Politik) in 100 Tagen

Heute, am 9.6., eröffnet die größte Ausstellung der Welt in Kassel offiziell. Viele Kunstwerke sind in öffentlichen Parks seit einigen Tagen zugänglich. Die Begeisterung in der Stadt für Kunst ist spürbar und auch die (hessische) Politik wird versuchen von dem Glanz der Künstler und ihrer Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev in Nordhessen zu profitieren.

Diese dOCUMENTA – eine Bühne ihrer Chefin?

Die Massenmedien transportieren vor dem Start der Ausstellung insbesondere Christov-Bakargiev als charismatische Führungsperson an der Spitze der Künstlerelite. Sie eingeladen vornehmlich unbekanntere Künstler eingeladen, das Friedericianum und weitere Ausstellungsflächen zu gestalten. Dies wurde immer wieder als Zeichen einer starken künstlerischen Leitung verstanden. In Interviews gibt sich Christov-Bakargiev gern theoretisierend einem neuen „künstlerischen“ Gesellschaftsbild hin. Schlagzeilen, die das Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren fordern wurde überregional publik. Politik und Beteiligung spielen scheinbar also auch auf dieser dOCUMENTA eine wichtige Rolle. Die entscheidende Frage dabei wird wohl sein, ob sich diese Beteiligung auf die „Kunstwelt“ beschränkt oder auch eine breitere Öffentlichkeit erreicht?

(Politische) Dinge und die dOCUMENTA

Die Leiterin der dOCUMENTA hat ihr Programm formuliert. Neben den üblichen Botschaften moderner Kunstschaffender: eigentlich jeden Begriff in Frage stellen zu wollen, um den Raum der Kunst erweitern zu können, bringt Christov-Bakargiev Gedanken zur Partizipation ein, die auch in der Politikwissenschaft theoretisiert werden. Dinge und die Ökologie als Teil einer demokratischen Debatte: Insbesondere die Netzwerktheorie von Bruno Latour, IEP Paris, geht dieser Idee nach, wie „Dinge“ in demokratischen Prozessen besser berücksichtigt werden können. Kunst als gesellschaftliches System, so Niklas Luhmann, kommuniziert über das Herstellen und Erleben von Kunstwerken. In diesem Sinn müssten die Kunstwerke als Dinge auch politisch werden. Die Medien sind aber offensichtlich auf das Charisma der Künstlerischen Leiterin angewiesen. Ob Kunst also direkt erfahren oder in der massenmedialen Berichterstattung Wirkung entfaltet muss unbeantwortet bleiben. Dinge scheinen aber eine wichtige Rolle zu spielen…

Das Parlament der Dinge?

Sein Buch „Parlament der Dinge“ versucht Subjekt- und Objekt-Begriff aufzuweichen und stärker in eine „Netzwerk-Perspektive“ überzugehen. Bekannt ist sein Beispiel des Hotelschlüssels mit dickem Anhänger, der jeden Hotelgast aufgrund seiner Größe dazu bringt ihn schnell wieder abzugeben. Trotzdem ist dieser Schlüssel nach Latour mehr als ein Objekt, da er Menschen verbindet und neue Verlinkungen schafft. Dieser Idee scheint Christov-Bakargiev in ihren Ausführungen implizit zu folgen. Dass nicht nur Menschen sich einer Sprache bedienen sondern auch Tiere soll den Blick auf diese dOCUMENTA weiten. Die Beteiligung der Dinge an unserem Lebensraum und damit auch diese „begrenzte Welt“ zu erkennen, in der der Mensch beheimatet ist und zu der Kunst immer neue Zugänge zu schaffen versucht scheint ein Ziel dieser dOCUMENTA zu sein.

Politik außerhalb des politisches Systems?

Kunst will Fragen aufwerfen… Welche es sind, und wie die Antworten lauten ist immer auch ein politischer Prozess. Besucher und abwesende positionieren sich zur dOCUMENTA, wie Wähler und Nicht-Wähler bei Abstimmungen. Die dOCUMENTA kann den Blick erweitern auf dieses Spektrum einer immer vernetzteren und doch in ihren Ressourcen („und Dingen“) begrenzten Welt. Dieses Ziel verfolgt die US-amerikanische Leiterin der dOCUMENTA mit mehreren Kunstwerken, die neben Kassel auch in anderen Teilen der Welt gleichzeitig entstehen. Kunst kann Fragen aufwerfen und neue Öffentlichkeiten schaffen. Damit ist Kunst auch immer politisch, auch wenn teilweise krampfhaft versucht es nicht zu sein….

Die dOCUMENTA in Kassel findet vom 9/06 bis 16/09 in Kassel statt.

In „Die Kunst der Gesellschaft“ analysiert Luhmann die komplette Autonomie des Kunstsystems gegenüber seiner Umwelt und seine innere Ausdifferenzierung zur Kunst der Moderne:

Eines der Interviews von Cristov-Barkargiev
Auszug aus Bruno Latours „Parlament der Dinge
BILD, die ZEITUNG, zur dOCUMENTA


Die Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst in Kassel

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Ein Gedanke zu „dOCUMENTA 13 – Kunst (und Politik) in 100 Tagen

  1. Pingback: Bienalisation of political arts (Otto Karl Kamal) | Chus Martinez (13)

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