Glossar zu pK

Dieses Glossar umfasst Begriffsdefinitionen zur politischen Kommunikation und der Systemtheorie. Ziel ist es kommunikative Prozesse begrifflich genau zu beschreiben. Dieses Glossar benutzt wissenschaftliche Begriffe der Systemtheorie und soll eine Annäherung an die Frage vermitteln, wie pK begrifflich gefasst werden kann. Gleichzeitig soll aber auch gezeigt werden, dass soziologische Fachbegriffe im Hintergrund nicht dazu führen müssen, dass systemtheoretische Texte für die breite Öffentlichkeit nicht verständlich sein können. Das Glossar bietet den vertieften Hintergrund, soll aber gleichzeitig vermitteln, dass Kommunikationswissenschaft und Soziologie vor allem „anschlussfähig“ für das Publikum sein sollen. Daher wird auf den weiteren Seiten dieses Blogs auf systemtheoretische Fachsprache verzichtet.

 A Action/Talk Unterscheidung Unterscheidung mit der die Entscheidungsprozesse beobachtet werden. Relevant ist der Punkt wann sich der allgemeine Annäherungsprozess in einen Entscheidungsprozess wandelt (siehe auch Olsen). Diese Unterscheidung wird auch geo- graphisch angewandt. Talk findet etwa in länglichen Gebieten statt, während die politischen Entscheidungsträger in der Hauptstadt Entscheidungen also Action erzielen.
 B Bezeichnen Grundlage einer jeden Bezeichnung ist eine Unterscheidung zwischen innen und außen, die der Beobachter vornimmt. Es ist die Bewertung des Beobachters, die bestimmt, wo eine Unterscheidung vorgenommen wird und welche Inhalte bezeichnet werden
 B  Beobachten Beobachtung ist eine Operation von psychischen und sozialen Systemen; es ist  die Operation der Unterscheidung. Anhand von Differenzschemata werden Informationen erzeugt, wobei Erwartungen des Beobachters erfüllt oder nicht erfüllt werden. Jede Beobachtung setzt eine Unterscheidung voraus, die sich selbst nicht mehr mit der gleichen Unterscheidung noch einmal beobachten kann.   ist z. B. hinsichtlich des „Sehens“ gekoppelt an einen nur eingeschränkten Bereich des Lichts. Es kann damit wahrnehmen; aber nicht so wahrnehmen, daß es gleichsam wahrnimmt, daß es nicht „alles“ wahrnimmt. Um die Unterscheidung, die benutzt wurde, beobachten zu können, muß sie bezeichnet werden, und eben das setzt eine andere Unterscheidung voraus, in deren Rahmen die erste Unterscheidung von anderen Unterscheidungen unterschieden wird.Beobachtungaktualisiert, indem sie bezeichnet, Unterscheidungen, die Realität erzeugen.
 C  Crossing Crossing bezeichnet das Überschreiten der Grenze von einer Bezeichnung zur anderen Seite. Dieser Vorgang braucht Zeit. Die Zeitdifferenz dient der Entparadoxierung, um zu vermeiden, daß der Beobachter zugleich innen und außen ist (die Einführung einer Zeitdimension ist eine allgemeine, typische Technik der Paradoxieauflösung). nach Spencer Brown
D  Doppelte Kontingenz Systeme werden als undurchlässig, uneinsehbar aufgefaßt, die für keine externen Zugriffe zugänglich sind. Systemeoperieren für andere Systeme stets kontingent.Doppelte Kontingenz bezeichnet nun den Zustand von Unberechenbarkeit bei der gegenseitigen Beobachtungsinnhaft operierender Systeme.
Doppelte Kontingenzsozialer Situationen ist dasjenige Problem, daß die Entstehungsozialer Systeme autokatalysiert. Denn nur über Kommunikation können psychische Systeme miteinander in Verbindung treten, da ein direkter Informationsfluß durch ihre systembedingte operative Geschlossenheit nicht möglich ist.
 E  Evolution Sie ist die laufende Abstimmung von Möglichkeiten. „Durch evolutionäre Selektion kommt eine zunächst nur sehr unwahrscheinliche, hochkomplexe Ordnung zustande“ (Luhmann, 1986, S. 206).
 F  Funktion Funktionssysteme der Gesellschaftkommunizieren auf der Basis eines strikt zweiwertigen Schemas, mit dem sie sich indifferent setzen gegenInformationsverarbeitungszumutungen, die auf einem anderen als eben ihrem Schema beruhen. Sie identifizieren sich so als Einheit auf der Ebene ihres binären, zweiwertigen Codes, „der unter dem Gesichtspunkt der jeweils spezifischen Funktion universelle Geltung beansprucht und dritte Möglichkeiten ausschließt“ (Luhmann, 1986, S. 75/76).
 G  Gesellschaft Die Gesellschaft ist das „umfassende soziale System aller aufeinander Bezug nehmender Kommunikationen“ (Luhmann, 1986, S. 24). Die elementaren Einheiten der Gesellschaft sind nicht Individuen, sondern sinnhafte, rekursivrelationaleKommunikationen. Die gesellschaftliche Realität wird kommunikativ konstruiert. In diesem Sinne steuert sich die Gesellschaft (und nicht, wie landläufig behauptet wird die Politik).
 H  Handlung Kommunikation wird in eine beobachtbare Form gebracht, indem sie auf Handlung reduziert wird (siehe auch Handlungsbegriff bei Max Weber). Da Kommunikation nicht beobachtet werden kann, also eine nicht explorable Innenseite darstellt, wird sie auf eine Außenansicht beschränkt, die als Handlung beschrieben wird.
I  Irritation Systemoperationen zirkulieren systemintern. Relevante Umweltereignisse können ausschließlich systemintern registriert werden und dort Strukturänderungen hervorrufen. Diesen Vorgang nennt man Irritation (Luhmann, 1996)
 K  Kontextsteuerung Von Kontextsteuerung ist dann zu sprechen, wenn soziale oder psychische Systemeversuchen, gezielt Irritationen bei anderen Systemen hervorzurufen. Die Möglichkeit von Politik beschränkt sich beispielsweise auf Kontextsteuerung, also auf den Versuch, die Umwelt anderer Gesellschaftsbereiche mit irritierenden Ereignissen anzureichern, auf die diese reagieren sollen.
 K  Kommunikation Kommunikation fungiert als Synthese dreier Selektionen, als Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen. Luhmann Soziale Systeme, 1984, S. 203
K  Komplexität Verschiedenartiges zusammenzufassen ist ein Zwang, dem sich jeder Sachverhalt unterwerfen muß, der sich als Einheitskomplex konstituieren will. Alle einzelnen Bestandteile müssen zumindest ein gemeinsames Kriterium aufweisen, um der übergeordneten Einheit angehören zu können. Dabei werden die Einzelbestandteile vereinfacht (Komplexitätsreduktion). Die so gebildete Einheit von Verschiedenartigem nennen wir dann Komplexität.
M Massenmedien  „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann, 1996) Massenmedien haben für die Politik daher eine elementare Rolle in der Vermittlung ihrer Inhalte. Verschiedene Vorstellungen von Politik wären ohne die Massenmedien undenkbar
M  Moral In der Form von Moral wird mit der Unterscheidung gut und schlecht operiert. Sie ist eine besondere Art der Kommunikation, nämlich Ausdruck von menschlicher Achtung oder Mißachtung.
 O  Organisation Eine Organisation ist ein soziales System. „Soziale Systeme sind als organisiert zubezeichnen, wenn die Mitgliedschaft an bestimmte Bedingungen geknüpft ist“ (Kneer & Nassehi, 1994, S. 42). Es setzt sich zusammen aus einem Kollektiv von Mitgliedern, operiert aber innerhalb von Funktionssystemen weitgehend als einzelnes Element. Organisationen generieren Kommunikationen, die die ausdifferenzierten Funktionssysteme auf das Abstraktionsniveau binärer Codes bringen.
 P  Person Eine Person ist kein System, aber eine Form, die bestimmt ist als „individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten“ (Luhmann, 1991, S. 170), ist also in etwa gleichzusetzen mit dem Begriff der sozialen Rolle. „Die Form der Person dient ausschließlich der Selbstorganisation des sozialen Systems, der Lösung des Problems der doppelten Kontingenz durch Einschränkung des Verhaltensrepertoires der Teilnehmer“ (Luhmann, S. 174) Eine Person und damit ihr Bewußtsein kann nicht kommunizieren, da es nicht direkt an Kommunikation anschließen kann.
 Q  Politik  „Die Politik“ und das organisierte Politische System beobachten die Gesellschaft mit dem Code Macht/Ohnmacht. Daraus folgen verschiedene Kopplungen mit anderen Funktionssystemen (wie etwa Bildung).
 R  Risiko Unterscheidung Risiko/Gefahr:Entscheidungen, ob im Management oder in der Politik fallen immer mit einem Risiko. Ob dieses Risiko wahrgenommen wird ist dabei eine Folgefrage, der Bezug zur Umwelt macht die Zurechnung ob Risiken oder Gefahren vorliegen unabdingbar. Diese Unterscheidung lässt sich mit einem Regenschirm erklären.„Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben:
Die Gefahr, dass man durch Regen nass wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt.
Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegenzulassen.“) Bei Risiko geht es also darum, dass bestimmte Entscheidungen getroffen werden, sei es durch eine Person, Organisation oder sonstige Systeme, mit denen Zeit gebunden wird, „obwohl man die Zukunft nicht hinreichend kennen kann; und zwar nicht einmal die Zukunft, die man durch die eigenen Entscheidungen erzeugt.“ (Luhmann 1991, S. 21, kursiv im Orig.) Allgemein gesprochen ist immer dann die Rede von Risiko, wenn ein Beobachter bestimmte Entscheidungen hinsichtlich ihrer unbekannt bleibenden Zukunft beobachtet.
 S  Sinn In der Form von Sinn wird mit der Unterscheidung des Aktuellen und des Möglichenoperiert. Sinn ist damit die Einheit der Unterscheidung von Aktualität und Possibilität.
Wird sinnhaft operiert, bedeutet das, daß Mögliches als Nachfolgeaktualität gewählt werden kann und muß, sobald das jeweils Aktuelle verblaßt, ausdünnt, seine Aktualität aus eigener Instabilität selbst aufgibt. Sinn ist die „aktualitätsfähige Repräsentation von Weltkomplexität im jeweiligen Moment“ (Luhmann, 1986, S. 44). Es besteht immer eine Diskrepanz zwischen der „wirklichen Welt“ und dem was voninformationsverarbeitendenSystemen erfaßt werden kann, da sie nur begrenztresonanzfähig sind.
 S  Struktur  „Der Strukturbegriff bezeichnet […] Systemmerkmale, die in einem bestimmten Rahmen im Vergleich mit anderen Elementen als Konstante gelten können“ (Morel S. 150/151) (z. B. die Verfassung eines Staates). Die Strukturen eines Systems sind immer unentbehrlich für ein System, indem sie helfen, die Bedürfnisse des Systems zu erfüllen und so dessen Überleben bzw. Funktionieren langfristig zu sichern.
 T  Steuerungstheorie Interdisziplinäres Erkenntnismodell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Die Analyse von Strukturen und Funktionen soll häufig Vorhersagen über das Systemverhalten erlauben.
T  Themen Themenbezeichnen den inhaltlichen Rahmen von Kommunikation. „Sie repräsentieren die Fremdreferenz der Kommunikation. Sie organisieren das Gedächtnis der Kommunikation. Sie bündeln Beiträge zu Komplexen des Zusammengehörigen, so daß in der laufenden Kommunikation erkennbar ist, ob ein Thema beibehalten und fortgesetzt oder ob es gewechselt wird“ (Luhmann, 1996, S. 28).
 U  Unterscheidung Unterscheiden und bezeichnen sind zwei Momente einer einzigen Operation. EineUnterscheidung (etwa Frau oder Mann, Recht oder Unrecht, System oder Umwelt) wird gewählt und eine der beiden Seiten der Unterscheidung (also etwa Frau, Recht,Umwelt) wird bezeichnet.
 U  Umwelt In der Form von Welt wird mit der Unterscheidung: System und Umweltoperiert. Die Umwelt eines Systems ist alles ohne das System. Und Umwelt und System zusammen genommen ist immer die Welt. Wie unterscheiden sich System und Umwelt ?
1. Die Umwelt als Rest der Welt kann nicht handeln, zum Handeln ist nur ein System in der Lage.
2. Jedes System zerlegt die Welt (macht Unterscheidungen). Das heißt, die Einheit des Systems operiert mit Unterscheidungen und in seiner Umwelt, die auf es bezogen ist, sind andere Systeme.
3. Die systeminterne Komplexität ist immer kleiner als die systemexterne. Umwelt wird im System anhand systeminterner Operationen repräsentiert und über das Differenzschemata Selbstreferentialität/ Fremdreferentalität bezeichnet. Sie ist das „Korrelat aller im System benutzten Fremdreferenzen“ (Luhmann, 1986, S. 51).
 V  Verwaltung  Verwaltung ist kein einheitlicher Akteur sind, sondern als Funktionssysteme über ein differenziertes Akteursgeflecht agieren. „Das System „Staat“ ist nicht ein Subjekt, welches von außen auf die Gesellschaft – oder eine Region – einwirkt, sondern ein endogener Teil des Gesamtsystems. Nur dann, wenn er und ein zu „steuerndes“ System Teil eines gemeinsamen größeren Systems
sind, kann der Staat in diesem Bereich wirken – aber nicht nach Belieben, sondern nur im Rahmen der Wirkungszusammenhänge, Kommunikationsmuster und Spielregeln der miteinander strukturell gekoppelten Teilsysteme.“(Huber 1995: 5).
 W  Wahrscheinlichkeit Erfolgsmedien schaffen höhere Wahrscheinlichkeiten für den Erfolg von Kommunikation.
 Z  Zettelkasten Dokumentations- und Lernsystem das Niklas Luhmann stark nutzte um seine Version der Systemtheorie zu erarbeiten. Hier ein Eindruck.
 Z  Zurechnung Zentraler Begriff, der ausdrückt, dass Beobachtungen und Bewertungen sozial zugerechnet werden. Keine Person bestimmt daher über seine Geltung in Ihrer Umwelt sondern ist von Zurechnungen ihres Umfeld abhängig.
 Z  Zeit Luhmann Risiko als ein Zeitproblem:
Immer dann soll von Risiko die Rede sein, „wenn eine Entscheidung
ausgemacht werden kann, ohne die es nicht zu dem Schaden kommen könnte“ und „daß der kontingente Schaden selbst kontingent, also vermeidbar, verursacht wird.“ (Luhmann 1991, S. 25)

Quellen vieler vorgestellter Glossareinträge zitiert aus:

http://www.lutz-bornmann.de/luh/luhmann.htm

Zugrundeliegende Literatur

Fuchs, P. (1992). Niklas Luhmann – beobachtet. Eine Einführung in die Systemtheorie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Hillmann, K. H. (1994). Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Kröner.

Kneer & Nassehi (1994). Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme (Uni-Taschenbücher 1751). München: Fink.

Luhmann, N. (1986). Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen? Opladen: Westdeutscher Verlag.

Luhmann, N. (1991). Die Form „Person“. Soziale Welt42, 166 – 175.

Luhmann, N. (1994). Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Luhmann, N. (1995). Das Recht der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Luhmann, N. (1996). Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Schimank, U. (1991). Eine Buchbesprechung zu Niklas Luhmanns „Die Wissenschaft der Gesellschaft.“Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie43 (3), 575 – 579.

Simon, F. B. (1993). Mathematik und Erkenntnis: Eine Möglichkeit, die „Laws of Form“ zu lesen. In D. Baecker (Hrsg.), Kalkül der Form, S. 38 – 57. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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